Berichte und Erfahrungen

Warum nur einen Bildungsweg gehen, wenn zwei gleichzeitig möglich sind? Seit dem Schuljahr 2017/2018 gibt es das BerufsAbitur. Jugendliche haben damit die Möglichkeit, in nur vier Jahren sowohl den Gesellenbrief als auch das Abitur zu erwerben. Das Konzept für diesen doppeltqualifizierenden Bildungsgang wurde im Rahmen der Handwerksinitiative „Höhere Berufsbildung“ vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz (KMK) erarbeitet, um leistungsstarke Jugendliche für das Handwerk zu gewinnen. In Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen werden unterschiedliche Modelle auf ihre Praxistauglichkeit hin getestet. Ein Schulleiter, eine Lehrerin, eine Schülerin, ein Handwerksunternehmer und ein fachkundiger Beobachter aus der Wissenschaft berichten über ihre ersten Erfahrungen.

 

Lisa Zehetmaier, Schülerin, Staatliche Berufsschule Berchtesgadener Land
 „In der neunten Klasse der Realschule ist jeder Jugendliche auf der Suche nach dem passenden Beruf und spielt mit dem Gedanken, später ein Studium aufzunehmen. Auch ich war in dieser Situation. Ich konnte mich aber nicht entscheiden, ob ich eine Ausbildung beginne oder weiter zur Schule gehe, um das Fachabitur zu machen. Auf der Berufsinformationsmesse habe ich dann von dem BerufsAbitur an meiner ehemaligen Schule erfahren. Für mich ein idealer Mittelweg, da es mir ermöglicht, das Abitur neben der Ausbildung zu absolvieren. Mit dem BerufsAbitur stehen mir viele Türen offen, auch ein Studium. Auch die monatliche Ausbildungsvergütung war ein wichtiger Aspekt. Durch diese bin ich finanziell unabhängiger von meinen Eltern.“

 

Hermann Kunkel, Schulleiter, Staatliche Berufsschule Berchtesgadener Land
„Ich bin ein großer Fan des BerufsAbiturs bzw. der Berufsschule-Plus. Wir eröffnen dadurch jungen Menschen einen beruflichen Bildungsweg, der sie zu einer ganz besonderen Berufsreife führt. Zu Beginn des Modellversuchs war ich zunächst etwas skeptisch, da ich befürchtete, einige Schüler könnten überfordert sein. Das hat sich aber nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Diese Auszubildenden, in der Regel Realschüler oder ehemalige Gymnasiasten, sind leistungsstark und hoch motiviert. Sie nehmen das BerufsAbitur als eine persönliche Chance wahr. Von betrieblicher Seite berichten die Ausbilder, dass die Teilnehmer des neuen Bildungsgangs auch im Betrieb als Leistungsträger wahrgenommen werden. Den Absolventen werden innerbetrieblich gute Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten geboten.“

 


Karin Dröge, Klassenlehrerin, Berufliche Schule für Fahrzeugtechnik in Hamburg
„Klar, die Schüler in meiner Klasse haben schon einen langen Tag hinter sich, wenn sie zum Zusatzunterricht für die Fachhochschulreife in die Schule kommen. Manche arbeiten als Bäcker und sind bereits um vier Uhr aufgestanden. Doch auch wenn die Schüler mitunter mal müde sind, die Stimmung ist sehr gut. Sie wollen in die Schule kommen und für ihre Fachhochschulreife lernen. Das ist ständig spürbar, disziplinarische Probleme gibt es überhaupt nicht. Für dieses Engagement bewundere ich die Klasse und gehe natürlich im Unterricht darauf ein. Ich wechsele häufig die Methode oder nutze Aktivierungsspiele, um Ermüdung vorzubeugen. Ein Höhepunkt ist die gemeinsame fünftägige Fahrt des Bildungsgangs, wo sich alle nochmals intensiv auf die Prüfungen vorbereiten. Da entsteht ein gutes Gemeinschaftsgefühl.“

 

Martin Böhm, Handwerksunternehmer aus Troisdorf, Obermeister der Innung für Elektrotechnik Bonn/Rhein-Sieg
„Die Suche nach geeigneten Bewerbern ist in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Leistungsorientierte junge Leute mit mittlerem Bildungsabschluss tendieren zum weitergehenden Schulbesuch. Ich biete Ausbildungsstellen für das BerufsAbitur an. Das spricht auch Bewerber an, die später Leistungsträger sind und das Zeug zur Führungskraft haben. So investiere ich in die Zukunft meines Betriebes.“

 

Andreas Grell, Referatsleitung Bildungsgangentwicklung am Hamburger Institut für Berufliche Bildung
„In erster Linie bietet das BerufsAbitur Lernen mit Berufsbezug. Das hat für die Schüler, die sich nicht auf einen bestimmten Bildungsweg – akademisch oder beruflich – festlegen wollen, große Vorteile. In Hamburg kann man in nur drei Jahren  die Doppelqualifizierung einer dualen Ausbildung in Verbindung mit der Fachhochschulreife erreichen. Zur allgemeinen Hochschulreife fehlt dann nur noch ein Jahr. Das macht sie für künftige Arbeitgeber zu attraktiven Fachkräften, die im Anschluss anspruchsvolle Aufgaben beispielsweise in einem Handwerksbetrieb übernehmen können. Wer dann doch weiter in Richtung Studium gehen will, kann im Anschluss die allgemeine Hochschulreife über den Besuch des zweiten Jahres der Berufsoberschule erlangen.“

 

Markus Klasmeier, Schulleiter, Heinrich-Hertz-Europakollegs der Bundesstadt Bonn
„Schüler möchten sich heute nicht mehr nach der neunten oder zehnten Klasse ausschließlich für einen Bildungsweg entscheiden müssen. Schon deswegen waren die Rückmeldungen auf die Einführung des BerufsAbiturs von Schüler-, Eltern- und Lehrerseite durchweg positiv. Den Auszubildenden eröffnet das BerufsAbitur die Chance, sich alle Optionen für eine berufliche Zukunft offen zu halten. In unseren Nachbarländern Schweiz und Österreich ist diese Form des Abschlusses bereits sehr erfolgreich. Auch Handwerksbetriebe halten dieses Bildungsangebot für notwendig. Sie brauchen hochqualifizierte, engagierte junge Erwachsene, die Lust haben, eine leitende Funktion mit Führungsverantwortung zu übernehmen. Das BerufsAbitur eröffnet die Möglichkeit, genau solche Jugendliche für eine Ausbildung in ihrem Betrieb zu gewinnen, und ihnen während der vierjährigen Zusammenarbeit die Attraktivität der Arbeit und die Entwicklungsmöglichkeiten in ihrem Betrieb zu verdeutlichen. Da sehr viele Jugendliche gerne praktisch arbeiten und trotzdem nicht auf den hohen Schulabschluss verzichten möchten, bin ich zuversichtlich, dass das BerufsAbitur ein Erfolg wird.“