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Wettbewerb um junge Köpfe

Die Zahl der Schulabgänger geht zurück, viele sind nicht ausbildungsfähig, in der Folge bleiben Lehrstellen unbesetzt. „Der Wettbewerb um junge Köpfe hat begonnen“, sagt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke im Interview mit dem Reutlinger General-Anzeiger. Mit seiner Image-Kampagne will das Handwerk über seine modernen und attraktiven Berufe informieren.

Reutlinger General-Anzeiger: Die 53 deutschen Handwerkskammern finanzieren eine 50 Millionen Euro kostende Imagekampagne. Hat das Handwerk das nötig?

Holger Schwannecke: Vor zwei Jahren haben wir das Forsa-Institut untersuchen lassen, wie die Außenwahrnehmung des Handwerks ist. Die Ergebnisse haben uns sehr nachdenklich gemacht.

Zum Beispiel?

Schwannecke: Besonders hat uns überrascht, dass Jugendliche viele Berufe gar nicht mehr dem Handwerk zuordnen. Wenn etwas über die Ladentheke verkauft wird, etwa beim Bäckermeister, wird das Handwerk dahinter nicht wahrgenommen, das gilt als Handel. Der zweite wichtige Punkt war, dass Jugendliche mehrheitlich glauben, unsere Berufe wären nicht modern und zukunftsfähig. Sie kennen gar nicht die moderne Technik, die unsere Handwerksbetriebe anwenden.

Welche weiteren Ziele verfolgt die Imagekampagne?

Schwannecke: Wir wollen die Wahrnehmung des Handwerks in Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt stärker betonen. Es ist aber auch ein Signal nach Innen, und weckt schon jetzt die Begeisterung unserer Betriebe und Basisorganisationen. Dabei war uns von Anfang an klar, dass die Ziele nicht kurzfristig zu erreichen sind. Deshalb ist diese Kampagne über fünf Jahre angelegt.

Aber 50 Millionen Euro? Allein die Handwerkskammer Reutlingen zahlt jährlich 140 000 Euro dafür. Rechnen Sie nicht mit Kritik?

Schwannecke: Jeder Handwerksbetrieb bringt gut 80 Cent im Monat dafür auf. So günstig  erhält er eine professionelle Dachkampagne, die er auch für seine Ziele einsetzen kann. Bisher hat sich jede Organisation als Einzelkämpfer in der Nachwuchs- und Imagewerbung versucht, das versickerte, jetzt wird das Handwerk als ganzes mit einem starken Auftritt bundesweit wahrgenommen. Googeln Sie mal die Kampagne – nach drei Wochen schon über 100.000 Ergebnisse! Im Übrigen ist der finanzielle Einsatz verglichen mit Markenartiklern immer noch sehr gering.  

Sie wollen junge Leute fürs Handwerk begeistern. Wie schätzen Sie die Ausbildungslage 2010 ein?

Schwannecke: Schon 2009 haben wir an die 10 000 Lehrstellen im Handwerk nicht besetzen können, das wird 2010 nicht viel besser. Vielen Schulabgängern fehlen Basiskenntnisse in Deutsch und Rechnen, sie sind nicht ausbildungsfähig. Dazu kommt ein demografisches Problem. In Ostdeutschland hat sich die Zahl der Schulabgänger in zehn Jahren halbiert, auch im Westen geht sie zurück: Der Wettbewerb um junge Köpfe hat begonnen.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach am Bildungssystem ändern?

Schwannecke: Wir müssen uns von Beginn an um jedes Kind kümmern. Frühkindliche Bildung bedeutet, spielerisch etwas zu vermitteln. Das gilt auch für die deutsche Sprache. Denn nur wer sie kann, kommt auch später im Unterricht mit. Uns fehlt auch die frühzeitige Berufsorientierung, die spornt Jugendliche nach unseren Erfahrungen an. Handwerkskammern und Fachverbände kooperieren heute schon beispielhaft mit Schulen, öffnen Bildungszentren und Betriebe. Das muss fester Bestandteil in den Lehrplänen werden.

Wie sicher sind die Arbeitsplätze im deutschen Handwerk 2010?

Schwannecke: 2010 wird ein schwieriges Jahr. Wenn das Wetter mitspielt bleibt die Lage aber gut. Einen Umsatzrückgang wird es geben, vielleicht noch mal ein Prozent, aber die Beschäftigungslage bleibt stabil. Wir brauchen qualifizierte Leute, in der Region Stuttgart/Reutlingen beispielsweise für die vielen High-Tech-Handwerker, die für die Exportindustrien schaffen.  Unsere Unternehmen tun alles, um solche Arbeitsplätze zu halten, sie setzen auf Aufschwung.

Das Handwerk profitiert von den staatlichen Konjunkturpaketen.

Schwannecke: Die öffentlichen Aufträge stützen die Beschäftigung in den Bau- und Ausbauhandwerken. Da Wohnungsbau und Gewerbebau immer noch am Boden sind, müssen die Investitionen die Betriebe aber vollständig erreichen. Was 2010 nicht begonnen worden ist, wird nach den jetzigen gesetzlichen Regelungen nicht mehr finanziert. Da fordern wir eine Nachbesserung: Kriterium muss das Datum der Auftragserteilung sein. Wer 2010 einen Auftrag bekommt, muss ihn auch noch 2011 abarbeiten können. Ein Monat Schnee darf nicht die Wirkung des Konjunkturpaketes abschwächen.

Viel ist von Kreditklemme zu lesen. Wie sieht es mit der Finanzierung der Handwerksbetriebe aus?

Schwannecke: Die Finanzierung der Betriebe wird eines der Kernthemen dieses Jahres sein, insbesondere die kurzfristige Betriebsmittelfinanzierung. Wir stellen bereits eine Kreditverknappung fest, da die Konditionen sich drastisch verschlechtert haben und die Anforderungen an Sicherheiten steigen. Der ZDH führt derzeit intensive Gespräche mit den Spitzenvertretern der Kreditinstitute. Ende Februar wird es eine ZDH-Finanzierungskonferenz mit Handwerk, Politik und Banken geben.

Welche Ansatzpunkte sehen Sie, das Problem zu lösen?

Schwannecke: Wir halten Nachbesserungen der im Rahmen des Konjunkturpaketes II vorgesehenen Kredit- und Bürgschaftsmaßnahmen für dringend notwendig und wünschen uns die Einführung eines spezifischen Betriebsmittelprogramms für den Mittelstand. Eine andere Idee ist, Beteiligungskapital für unsere kleinen Betriebe zu erschließen – bisher kein großes Thema, aber ich denke, wir müssen neue Wege gehen.

Autor: Uwe Rogowski


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