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Unbändiger Unternehmergeist des Handwerks im Osten
"Der Planwirtschaft zum Trotz hat sich das Handwerk im Osten seinen unbändigen Unternehmergeist bewahrt", so ZDH-Präsident Otto Kentzler im Interview mit der Chemnitzer Freien Presse (8. Juli 2010). Damit war in den 90er Jahren ein beispielloser Aufschwung möglich. Mit der gleichen Willenskraft ist das Handwerk auch in Zeiten des globalen Konkurrenzdrucks und des demografischen Wandels gut gewappnet.
20 Jahre vereintes Handwerk. Welchen Beitrag hat das deutsche Handwerk zur Wiedervereinigung geleistet? Was hätte besser laufen können? Gibt es Unterschiede zur Industrie?
Kentzler: Das Handwerk in der DDR hatte sich über 40 Jahre sozialistischer Planwirtschaft einen unbändigen Unternehmergeist bewahrt. Der Gründungsboom nach 1990 unterstreicht das. Dabei leisteten die Handwerkskammern, Fachverbände und Betriebe aus dem Westen großartige Hilfestellung. Beratung und praktische Hilfe waren selbstverständlich. Anders als andere Wirtschaftsbereiche im Osten, erlebte das Handwerk so in den 90er Jahren einen beispiellosen Aufschwung.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die kommenden Jahre?
Kentzler: Technische Entwicklung, globaler Konkurrenzdruck, veränderte Kundenwünsche - die Anforderungen an Betriebe und Mitarbeiter sind gewaltig. Die Gemeinschaft muss angesichts der Herausforderungen den Einzelnen motivieren, seine eigenen Kräfte zu entfalten. Fast eine Million kleine betriebliche Einheiten machen das Handwerk aus, da ist ein großer Zusammenhalt auch unverzichtbar; um sich politisch Gehör zu verschaffen, wenn es um bessere Rahmenbedingungen geht. Aber die Erfahrungen der Wiedervereinigung und die zwanzig Jahre des Aufbaus haben gezeigt, dass wir tatsächlich ein Handwerk mit einer Stimme sind.
Im Gegensatz zur Industrie hat das Handwerk lange über Bedarf ausgebildet. Rentiert sich das jetzt? Wie wird der Nachwuchs künftig gesichert?
Kentzler: Mit seiner hohen Ausbildungsleistung wird das Handwerk auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht. Allerdings wird aufgrund des Rückgangs der Schulabgänger in den neuen Bundesländern die Besetzung der angebotenen Lehrstellen immer schwieriger. Auf der anderen Seite werden mit der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit die Ausbildungschancen in Deutschland beispielsweise für polnische und tschechische Jugendliche attraktiv. Die grenzüberschreitende Ausbildung muss daher europäische Normalität werden, ebenso wie die Beschäftigung.
Welchen Einfluss hat Europa auf das Handwerk?
Kentzler: Viele Handwerksbetriebe in Ostdeutschland sind längst in den EU-Beitrittsländern im Osten tätig. Das sind attraktive, wachsende Märkte! Die deutschen Betriebe müssen diese Chancen nutzen. Dafür müssen sie ihre Qualität hoch halten. Sie brauchen exzellente Fachkräfte. Ich meine, es muss selbstverständlich werden, dass auch Fachleute aus dem Westen eine Stelle im Osten Deutschlands annehmen und Schulabgänger eine Lehrstelle. Das war zu lange eine Einbahnstrasse.
Interview: Ramona Nagel

