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Schwannecke: Aufschwung nicht abwürgen!
Der wirtschaftliche Aufschwung ist noch nicht selbstragend, betont ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (17.07.2010). Daher darf die Bundesregierung "nicht zu früh alle in der Krise aufgelegten Stützungsmaßnahmen für überflüssig erklären", so Schwannecke. Zudem muss die Regierung bei den Lohnzusatzkosten die Summe der Belastungen für kleine und mittlere Unternehmen im Blick behalten.
Herr Schwannecke, die Konjunktur erholt sich. Heißt das Entspannung auch auf dem Ausbildungsmarkt?
Schwannecke: In der Tat: Die exportorientierte Industrie meldet Wachstumszahlen, das tut auch unseren handwerklichen Zulieferbetrieben gut. Sorgen macht uns nach wie vor die für das Handwerk entscheidende Binnenkonjunktur.
Aber es gibt deutliche Erholungszeichen: In der aktuellen Umfrage zum 2. Quartal beurteilen zehn Prozent mehr Betriebe als im Vorjahreszeitraum ihre Lage als gut oder befriedigend. Die Beschäftigung ist stabil, der Ausbildungsmarkt zieht entsprechend wieder an. Aktuell verzeichnen wir – bei bisher 55 000 neu abgeschlossenen Verträgen - ein Plus von 7,1 Prozent.
Wie hoch ist der Anteil ausländischer Jugendlicher unter den Auszubildenden?
Schwannecke: 5,5 Prozent, und die Zahl der Azubis mit Migrationshintergrund ist mindestens noch einmal so hoch. Das ist viel im Vergleich mit anderen Wirtschaftsbereichen, uns ist es noch zu wenig. Wir dürfen dieses riesige Potential an Fachkräften nicht verschenken. Mittlerweile hat jedes dritte Kind unter sechs Jahren Zuwanderer als Eltern. Schlimm ist: 13 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund verlassen die Schule ohne Abschluss. Ein Drittel der 25- bis 35-Jährigen Migranten hat keinen beruflichen Abschluss erreicht. Das Handwerk wirkt auf allen Ebenen auf Schule, Familien und Betriebe ein, um diese Situation zu ändern. Wir brauchen diese jungen Leute.
Es gibt ein spezielles Professorinnenprogramm zur Förderung von Frauen: Ist auch ein Meisterinnenprogramm fällig?
Schwannecke: Auch ohne spezielle Programme machen Frauen im Handwerk Karriere. Ihr Anteil bei den Meisterprüfungen hat sich in knapp 20 Jahren verdoppelt – auf rund 20 Prozent. Kein Wunder – denn immer mehr Töchter beerben den Vater als Betriebsinhaber. Und selbst körperlich anstrengende, also typische "Männerberufe", sind dank technischer Hilfsmittel für Frauen mittlerweile attraktiv.
Handwerk hat also auch für Mädchen goldenen Boden….
Schwannecke: Aber ja. 27 Prozent der insgesamt knapp 160.000 Auszubildenden, die neu anfangen, sind Frauen. Das ist der höchste Wert bisher. Eine Diskussion um Frauenquoten braucht das Handwerk also auf keiner Ebene, die Quote ist schlicht überflüssig.
Die Pläne zur Gesundheitsreform sehen auch eine stärkere Belastung der Arbeitgeber vor. Ist die Reform unter Dach und Fach oder wollen Sie Nachbesserungen?
Schwannecke: Gesundheitsminister Philipp Rösler ist gestartet mit viel Enthusiasmus und Zielen, die wir teilen. Jetzt hat er einen Aufschlag gemacht. Seinen politischen Auftrag, die Ausgaben in den Griff zu bekommen, die Leistungen zu überprüfen und das System damit zukunftsfest zu machen, hat der Minister damit aber noch nicht erfüllt. Gut ist bei dem ersten Aufschlag der Ausbau der Zusatzbeiträge, das steigert den Wettbewerb unter den Krankenkassen. Da stützen wir den Minister. Richtig ist das Einfrieren des Arbeitgeberbeitrages – das um 0,3 Prozent höhere Niveau bedeutet jedoch für unsere arbeitsintensiven Betriebe wieder eine Kostenerhöhung.
Also Nachbesserungen?
Schwannecke: Ich will da nicht spekulieren. Die Diskussionen, auch in den Koalitionsparteien, zeigen zumindest, dass hier noch Arbeit wartet.
Sind 0,3 Prozent mehr für Arbeitgeber nicht verkraftbar, da doch auch die Arbeitnehmer mehr zahlen müssen?
Schwannecke: Für sich genommen ist das sicherlich keine Katastrophe, die Lohnzusatzkosten steigen damit aber wieder. Die Politik muss auch den Blick auf das Ganze behalten, sie dreht überall an der Kostenschraube. Jetzt O,6 Prozent plus beim Gesundheitssystem, dazu kommen 0,2 Prozent Aufschlag bei der Arbeitslosenversicherung, die ursprünglich vorgesehene Senkung des Beitrages zur Rentenversicherung fällt aus, die Steuern auf Energie sollen klettern, dazu kommen Belastungen allein der Arbeitgeber über die Vervierfachung des Beitrags zur Insolvenzgeldumlage, höhere Zahlungen an den Pensionssicherungsverein und an die Berufsgenossenschaften, vieles infolge der Krise. Die Summe der Belastungen ist es, die wir besonders mit Blick auf unsere kleinen und mittleren Unternehmen im Auge haben müssen.
Ist konkret zu beziffern, wie stark das Handwerk vom Konjunkturpaket II profitiert?
Schwannecke: Das kann man im Einzelnen nicht beziffern. Aber zahlreiche Maßnahmen haben dem Handwerk geholfen, öffentliche Investitionen haben Aufträge im Handwerk ausgelöst, speziell beim nach wie vor darbenden Bau. Die entscheidende Frage ist: Was passiert 2011, wenn eine Reihe von Maßnahmen endet? Wir raten der Bundesregierung, nicht zu früh alle in der Krise aufgelegten Stützungsmaßnahmen für überflüssig zu erklären, sondern sie differenziert zu betrachten. Das würde den Handwerksbetrieben nützen und den sich abzeichnenden Aufschwung stabilisieren. Viele positive Zeichen und Entwicklungen sind das Ergebnis des Konjunkturpakets. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, einen selbsttragenden Aufschwung zu erreichen.
Im Jahr 3 nach Ausbruch der Krise ist also keine Rückkehr zur Normalität angezeigt?
Schwannecke: Das war’s jetzt - für diese Analyse ist es mir viel zu früh.
Das Ifo-Institut rechnet mit einem konjunkturellen Dämpfer im zweiten Halbjahr. Der Außenhandel meldet Exporte so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Was gilt für das Handwerk?
Schwannecke: Wir bleiben bei unserer vorsichtigen Prognose: Beschäftigung halten wir, und beim Umsatz erwarten wir ein Minus von einem Prozent.
Interview: Beate Tenfelde

