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Ausbildung: "Niemand zurücklassen, jeder wird gebraucht!"
Sozialer Friede ist letztlich von Bildung abhängig, sie ermöglicht die Teilhabe des Einzelnen an der Gesellschaft. Im Interview mit der BZ am Sonntag (20.06.2010) fordert Handwerkspräsident Otto Kentzler: "Hier darf nicht gespart werden." Jeder wird gebraucht, so Kentzler, und es stehen ausreichend Ausbildungsplätze im Handwerk zur Verfügung.
Was erwartet das Handwerk vom Bundestag bei der Verabschiedung der Sparbeschlüsse?
Otto Kentzler: Dass die notwendigen Sparbeschlüsse nicht wieder zerredet, sondern zügig umgesetzt werden. Die Betriebe brauchen Planungssicherheit.
Ohne Änderung?
Kentzler: Endlich stimmt die Grundrichtung. Die Regierung diskutiert, was wir uns überhaupt noch leisten können. Das haben wir über viele Jahre vermisst. Jetzt sind beim Sparen alle dabei. Das zeigt, es geht gerecht zu.
Keine Wünsche?
Kentzler: Wichtige Konjunkturprogramme laufen aus. Wir brauchen unbedingt eine Brücke ins nächste Jahr, vor allem für unser Baugewerbe. Die zusätzlichen Baumaßnahmen der Städte und Gemeinden müssen laut Gesetz 2010 begonnen werden. Das sollte geändert werden, damit es reicht, den Auftrag noch in diesem Jahr zu erteilen. Sonst macht uns schon ein Frosteinbruch einen Strich durch die Rechnung. Aber gerade der Bau steht vor einem ganz schwierigen Jahr 2011. Kaum private Aufträge, kaum Gewerbebau.
Ohne Ausnahme?
Kentzler: Doch, der neue Großflughafen am Stadtrand von Berlin ist eine Ausnahme. Zumal das regionale Handwerk berücksichtigt wurde. Und in der Umgebung siedelt sich neues Gewerbe an. Der Flughafen BBI ist zum Konjunkturprogramm für die Region geworden.
An diesem Wochenende verhandelt die Koalition wieder über die Gesundheitreform. Was ist da für sie wichtig?
Kentzler: Die Krankenkassenbeiträge für Arbeitgeber dürfen nicht steigen, sonst kostet das Arbeitsplätze. Um die Arbeitnehmer nicht immer mehr zu belasten, muss endlich mehr gespart werden.
Von den Sparmaßnahmen des Bundes sind Bildung und Forschung ausgenommen. Ist das der richtige Weg?
Kentzler: Ja. Aber Bildung fängt nicht beim Akademiker an. Wir brauchen vielmehr Hilfen für junge Menschen, die beispielsweise Probleme mit einem Hauptschulabschluss haben. Wir dürfen niemand zurücklassen, jeder wird gebraucht. Im Handwerk stehen ausreichend Ausbildungsplätze zur Verfügung, Facharbeiter sind gesucht. Aber Leistung gehört dazu, gebratene Tauben kommen nirgendwo angeflogen. Wir sind eine Leistungsgesellschaft und sollten es auch bleiben.
Was hat das Gipfeltreffen mit der Kanzlerin in Meseberg zu all dem gebracht?
Kentzler: Es bestand Einigkeit: Der soziale Friede im Land ist letztlich von der Bildung jedes Einzelnen und damit seiner Teilhabe an der Gesellschaft abhängig. Hier darf nicht gespart werden. Es darf uns nicht passieren, dass wir in Zukunft gleichzeitig offene Lehrstellen und unversorgte Jugendliche haben; Jugendliche, die keinen Weg ins Berufsleben finden, während auf der anderen Seite händeringend Fachkräfte gesucht werden.
Mit besseren Chancen für Frauen?
Kentzler: Wir haben innerhalb von 20 Jahren den Frauenanteil bei der Meisterprüfung verdoppelt - auf über 20 Prozent. Heute sind 27 Prozent der Ausbildungsanfänger weiblich - mit steigender Tendenz. Jede 4. Gründung startet eine Frau. Bei uns ist eine Frauenquote überflüssig. Wir brauchen allerdings dringend eine bessere Infrastruktur mit verlässlichen Kitas und Ganztagsschulen, damit Frauen Familie und Beruf besser in Einklang bringen können. Gerade in Führungspositionen!
Interview: Friedemann Weckbach-Mara

