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Viele Betriebe können Lehrstellen nicht mehr besetzen
Im Osten sinkt die Zahl der Schulabgänger – Schuld ist der Geburtenknick. Dazu kommt, dass die Zahl der Schulabgänger ohne Ausbildungsreife weiter zu hoch ist, beklagt ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer im Interview mit der Wirtschaftswoche (7. Juli 2008). Der Ausweg: "Wir sollten Jugendliche aus grenznahen Regionen in Polen oder Tschechien für eine Ausbildung in Deutschland gewinnen."
Wirtschaftswoche: Herr Schleyer, die Forderungen der Gewerkschaften nach einer Aubildungsabgabe sind verstummt, ist die Lage entspannt?
Schleyer: Die Lage am Ausbildungsmarkt hat sich gedreht. Nachdem die Unternehmen ihr Angebot an Lehrstellen in den vergangenen vier Jahren im Rahmen des Ausbildungspaktes kräftig erhöht haben, fehlen nun die Schulabgänger, um diese Plätze zu besetzen. In Ostdeutschland ist die Situation dramatisch. Hier wird sich die Zahl der jugendlichen Bewerber bis 2011 halbieren. Viele unserer Betriebe schlagen Alarm, da sie ihre Stellen nicht mehr besetzen können. Langfristig kann das existenzgefährdend sein.
Andererseits gibt es noch immer Jugendliche, die keine Lehrstelle bekommen. Wie passt das zusammen?
Schleyer: Die Zahl der Altbewerber wird weiter schrumpfen. Dann bleibt das Problem, dass bis zu einem Viertel der Schulabgänger die Ausbildungsreife nicht haben. Hier sind die Bundesländer in der Pflicht. Vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien und solche mit Migrationshintergrund lernen oft zu spät und zu wenig Deutsch. Schon in der Grundschule kommen sie nicht mehr mit. Die Länder müssen diese Kinder frühzeitig fördern.
Das Handwerk ist vom knappen Nachwuchs besonders betroffen. Wie wollen Sie die Attraktivität erhöhen?
Schleyer: Für unsere modernen Berufe wird in den Schulen verstärkt geworben. Viele Jugendliche, die einmal in einen Handwerksbetrieb hineingeschnuppert haben, entscheiden sich anschließend nicht nur für eine Lehre, sie verbessern sich auch in der Schule, weil sie plötzlich ein erreichbares Ziel vor Augen haben. Berufsorientierung im Unterricht muss verpflichtend in Betrieben konkretisiert werden. Zur Berufsorientierung empfehle ich auch freiwillige Ferienpraktika – mit der Berufswahl werden schließlich Weichen fürs Leben gestellt. Ein Pluspunkt für das Handwerk ist auch die Chance, sich als Unternehmer auf feste eigene Füße zu stellen.
Dennoch ist nach der demografischen Entwicklung absehbar, dass damit die Ausbildungslücke für die Betriebe bald auch nicht zu schließen ist.
Schleyer: In Brandenburg oder Sachsen schielen unsere Betriebe längst nach Osten. Wir sollten schon bald Jugendliche aus grenznahen Regionen in Polen oder Tschechien für eine Ausbildung in Deutschland gewinnen.
Klingt das nicht nach neuen Gastarbeitern?
Schleyer: Nein. Wir reden ja nicht von Handlangern am Fließband, sondern wir wollen jungen Menschen aus den Nachbarländern eine solide Ausbildung mitgeben. Damit bieten wir ihnen eine Lebensperspektive – auch als Facharbeiter in Deutschland. In einem EU-Binnenmarkt darf eine solche Freizügigkeit kein Tabu sein. Falls die Arbeitnehmerfreizügigkeit mit den Beitrittsländern im kommenden Jahr noch einmal um zwei Jahre aufgeschoben werden sollte, müssen wir für Auszubildende eine Ausnahme machen. Sonst fehlt uns der notwendige Nachwuchs.
Interview: Dr. Christian Ramthun

